Staats.FRAUEN #2 – Viola Borsche

Senior Assistenz der Geschäftsführung bei der byte

„Traut euch, unbequem zu sein – Veränderung entsteht nicht aus Angepasstheit.“

Einleitung

In dieser Ausgabe von Staats.FRAUEN sprechen wir mit Viola Borsche, Senior Assistenz der Geschäftsführung bei der byte.
Ihr Weg in den öffentlichen Dienst war ursprünglich Zufall und wurde zu einer bewussten Entscheidung. Viola steht für eine neue Generation von Frauen im öffentlichen Sektor, die zeigen, dass Verantwortung, Effizienz und Empathie keine Gegensätze sind.

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Wer bist du und was machst du im öffentlichen Sektor?

Ich bin Viola Borsche, Senior Assistenz der Geschäftsführung bei der byte.
In meiner Rolle manövriere ich die zweiköpfige Geschäftsführung effizient und strategisch durch ihren Alltag. Ich halte Strukturen zusammen, setze Prioritäten, sorge für reibungslose Abläufe und koordiniere die Zusammenarbeit zwischen Geschäftsführung, Fachbereichen und externen Partnern, um Projekte und Entscheidungen zielgerichtet voranzubringen.

Gab es ein Vorbild oder einen Schlüsselmoment, der dich geprägt hat?

Mehrere…

In der öffentlichen Verwaltung zu arbeiten, bedeutet für viele Menschen Stabilität, Struktur und Verlässlichkeit. Diese Werte führen oft dazu, dass Veränderung als Bedrohung empfunden wird. Wer Sicherheit sucht, meidet Unsicherheit und damit eben auch Veränderung.

Auch aufgefallen ist mir, dass Frauen in Führungsrollen häufig unter besonderer Beobachtung stehen und kritisiert werden: für ihr Auftreten, ihre Kleidung, ihr Makeup oder ihre Ausdrucksweise. Sie werden schneller bewertet als ihre Kompetenzen.
Das hat mir gezeigt, wie tief verankert unbewusste Erwartungen an weibliche Führung in der Verwaltung sind.

Was war die größte Überraschung (positiv oder negativ), die du im öffentlichen Sektor erlebt hast?

Nach meiner Wiederkehr hat mich überrascht, wie groß die Spannbreite innerhalb des öffentlichen Sektors sein kann.
In traditionellen Strukturen dominieren Hierarchie und Formalität – oft auf Kosten von Effizienz und Motivation. Ich hatte häufig das Gefühl, dass langfristige Zusammenarbeit gar nicht angestrebt wird. Personal wird verwaltet, offene Stellen werden lediglich nachbesetzt, anstatt Menschen zu fördern oder an die Organisation zu binden.

Hochmotivierte Mitarbeitende, die etwas bewegen wollen, werden nicht gehalten, wenn sie gehen, wird das hingenommen.

Im Gegensatz dazu erlebe ich heute, wie moderne Verwaltung funktionieren kann: effizient, lösungsorientiert und auf Augenhöhe. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass Wandel in der Verwaltung möglich ist, wenn Haltung, Vertrauen und Gestaltungsspielräume zusammenkommen.

Was hat dich motiviert, diesen Weg einzuschlagen?

Mein Einstieg in den öffentlichen Dienst war eher Zufall.
Nach einer intensiven Phase der Jobsuche stand ich kurz davor, mein Glück in Kanada zu versuchen, als ich mich – eher aus Verzweiflung – auf eine Stelle im öffentlichen Dienst bewarb. Zu meiner Überraschung erhielt ich die Zusage.

Obwohl die Position für mich zunächst einen beruflichen Rückschritt bedeutete, war sie zugleich ein Neubeginn. So fand ich meinen Weg in die Verwaltung: unbeabsichtigt, aber richtungsweisend.

Was hättest du dir als Berufseinsteigerin im öffentlichen Dienst gewünscht?

Zum Einstieg hätte ich mir vielleicht eine Art „How-to-Verwaltung“-Leitfaden gewünscht.
Meine Art, Abläufe effizienter und moderner zu gestalten, wurde oft als Ungeduld interpretiert. Statt Anerkennung erhielt ich den Hinweis, weniger schnell zu arbeiten und mich stärker an bestehende Strukturen zu halten.

Diese Erfahrung hat mir früh gezeigt, dass Veränderungsbereitschaft in der Verwaltung Mut und Geduld zugleich erfordert und nicht alles, was schneller oder besser geht, ist in der Verwaltung automatisch willkommen.

Wie bleibst du motiviert, wenn es zäh wird?

  1. Ich plane meinen nächsten Urlaub.
  2. Die Zusammenarbeit mit intrinsisch motivierten Menschen. Der Austausch erinnert mich daran, dass wir alle am selben Ziel arbeiten.

Was war bisher dein größter beruflicher Meilenstein?

Mein größter und prägendster beruflicher Meilenstein war der bewusste Schritt aus der Verwaltung heraus.
Nach vielen Jahren im öffentlichen Dienst fällt es nicht leicht, diesen geschützten Rahmen zu verlassen. Oft fehlt der Mut, sich außerhalb weiterzuentwickeln.

Für mich war dieser Schritt in die Privatwirtschaft ein Wendepunkt:
Mit abgeschlossenem Studium und neuen Erfahrungen bin ich gestärkt und mit frischem Blick auf die Verwaltung zurückgekehrt.

Was bedeutet für dich „wirksam sein“ im öffentlichen Dienst?

Wirksamkeit bedeutet für mich, Strukturen so zu gestalten, dass sie die Arbeit für alle Beteiligten erleichtern, nicht nur im Hier und Jetzt, sondern langfristig.
Dabei geht es mir darum, einen echten Mehrwert zu schaffen und diesen auch verständlich zu machen: zu zeigen, warum eine Veränderung sinnvoll ist und wie sie den Arbeitsalltag verbessert.

Menschen mitzunehmen und zu motivieren, dass eine Veränderung nicht bedrohlich, sondern bereichernd sein kann, das ist für mich gelebte Wirksamkeit.

Wo hast du konkret Veränderung angestoßen oder erlebt (auch im Kleinen)?

Im Laufe der Zeit habe ich häufig versucht, Veränderungen anzustoßen oder auf Möglichkeiten hinzuweisen, Dinge besser, schneller und moderner zu gestalten. Mein Fokus liegt dabei grundsätzlich auf Effizienz. Wenn ich Potenzial für Verbesserung sehe, spreche ich es auch an.

Dabei bin ich sehr oft auf Widerstände gestoßen.Im Kleinen bin ich jedoch stolz darauf, dass wir in einem sehr papierlastigen Umfeld die Abläufe weitestgehend digitalisieren konnten. Der Papierverbrauch wurde auf ein Minimum reduziert und das im Team auch gelebt wird.

Erzähl uns von einem Moment, in dem dir das Frausein die Arbeit schwerer gemacht hat. Welche unbewussten Vorurteile begegnen dir im beruflichen Alltag und wie gehst du damit um?

Gerade im öffentlichen Dienst wird die Rolle der Assistenz häufig unterschätzt – bzw. existiert so gar nicht.
Der Begriff „Vorzimmer“ oder früher auch „Schreibdienst“ steht sinnbildlich für ein überholtes weibliches Rollenverständnis, das fachliche Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein oft ausblendet.

Dadurch wird man leicht übergangen oder in seiner Wirkung begrenzt.

Ich begegne solchen Situationen mit Klarheit und Selbstbewusstsein:
Indem ich meine Aufgaben auf hohem fachlichem Niveau erfülle, Verantwortung übernehme und Grenzen deutlich mache.

Wenn jemand den Begriff „Vorzimmer“ verwendet, spreche ich das direkt an und weise darauf hin, dass diese Bezeichnung weder eine Funktion noch eine Rolle beschreibt. Sie reduziert eine Person auf eine Räumlichkeit und ist nicht angemessen.

Eine moderne Assistenz ist längst mehr als ein organisatorisches Anhängsel. Sie ist eine gestaltende, koordinierende und strategische Rolle, die wesentlich zum Erfolg der Organisation beiträgt.

Wenn du eine Regel im öffentlichen Dienst ändern könntest - welche wäre das?

Ich würde das Beamtentum grundlegend modernisieren.
Der öffentliche Dienst sollte stärker auf Leistung, Verantwortung und Entwicklung setzen und weniger auf Status.

Nur so kann Verwaltung zukunftsfähig und attraktiv bleiben.
Hochqualifizierte und engagierte Angestellte brauchen vergleichbare Karrierewege, um langfristig motiviert zu bleiben und ihr Potenzial einzubringen.

Und ich habe sehr viele hochmotivierte und qualifizierte Angestellte in der Verwaltung kennengelernt und viele davon leider auch gehen sehen.

Was muss sich deiner Meinung nach ändern, damit Gleichstellung im Amt Realität wird?

Echte Gleichstellung im öffentlichen Dienst erfordert Mut zur Veränderung; Mut, Missstände anzusprechen, seine Meinung zu vertreten, auf allen Ebenen.
Noch immer hängt der Aufstieg oft von individuellen Durchsetzungskräften ab, statt von gleichen Rahmenbedingungen.

Frauen, die Hürden überwunden haben, sollten ihre Erfahrungen nutzen, um Strukturen zu öffnen, anstatt sie zu verteidigen.

Zugleich ist Gleichstellung selbst ein Indikator für Modernisierungsfähigkeit:
Wer offen für Gleichberechtigung ist, ist auch offen für Wandel.
Organisationen, die Vielfalt leben und Verantwortung gerecht verteilen, fördern automatisch Offenheit für Digitalisierung, moderne Arbeitsformen und eine zukunftsfähige Verwaltung.

Was möchtest du anderen Frauen im öffentlichen Sektor mitgeben?

Traut euch, unbequem zu sein! Veränderung entsteht nicht aus Angepasstheit.
Sprecht Dinge an, auch wenn sie nicht jedem gefallen.
Veränderung braucht Menschen, die Haltung zeigen, Verantwortung übernehmen und andere mitnehmen.

Vernetzung und gegenseitige Unterstützung sind dabei entscheidend:
Wir müssen uns nicht gegeneinander behaupten, sondern füreinander stark machen.

Übernehmt Verantwortung für die Zukunft und fragt euch:
Welche Arbeitswelt wünscht ihr euch für eure Töchter, Nichten oder Enkelinnen?
Handelt heute so, wie ihr euch diese Zukunft wünscht.
(Und das gilt nicht nur in der Verwaltung.)

Fazit

Viola Borsche zeigt, dass Wandel in der Verwaltung kein Widerspruch zur Struktur ist, sondern das Ergebnis von Haltung, Mut und kontinuierlicher Reflexion.
Ihre Geschichte ist eine Einladung, Wirksamkeit neu zu denken und Verwaltung als Gestaltungsraum zu begreifen.